Das Jammern der Kammern

Warum eine strategische Neuausrichtung der Industrie- und Handelskammern zur Unternehmensnachfolge längst überfällig ist – und wie sie aussehen muss.

Die Industrie- und Handelskammern werden nicht müde, uns die Zahlen vor Augen zu führen. 360.000 Unternehmen ohne Nachfolger! Ihre Antwort auf diese Problematik geht jedoch an den tatsächlich wichtigen Fragen einer verantwortungsvollen Wirtschaftspolitik bislang fast vollständig vorbei. Zwar mag der Leidensdruck bei vielen Klein- und Kleinstunternehmern besonders groß sein, doch darf sich die Arbeit der Kammern nicht zuerst am bedauernswerten Einzelfall aufhalten, sondern muss messbare Ergebnisse hinsichtlich der übergeordneten Herausforderungen leisten.

Die Wirtschaft baut auf souveräne mittlere Unternehmen

Konkreter formuliert, statt die vielen, vielen Klein- und Kleinstexistenzen liebevoll freundschaftlich zu bemuttern, sind priorisiert die mittleren Unternehmen – die wahren Motoren des German Mittelstand – aktiv mit relevanter Hilfe zu versorgen. Wenn denn aufgrund eines Nachfolgermangels viele Betriebe vor dem Aus stehen, liegt es nur nahe, zuerst den mittleren Unternehmen zu helfen!

Nämlich wirkt der Effekt, dass die größeren Unternehmen die kleineren nach sich ziehen, etwa in dem sie bestimmte Dienstleistungen nachfragen. Dass dieser Effekt andersherum funktioniere, bleibt ein Ammenmärchen. Untermauert wird die Ratio dadurch, dass es die tendenziell größeren Unternehmen sind, die in nennenswerten Maßstäben in Forschung und Entwicklung investieren, also in die langfristigen Perspektive unserer Wirtschaft. Ganz praktisch widerspiegelt sich dieses Prinzip sogar darin, dass viele der tendenziell kleineren Unternehmen unter massiven Investitionsrückstaus leiden.

Hilfe muss auch bedeuten, unbeliebte Antworten zu geben

Sind die Klein- und Kleinstunternehmen deshalb weniger wichtig? Nein, das steht völlig außer Frage, natürlich bilden sie ein elementares Bestandteil einer florierenden, lebenswerten Gesellschaft und gesunden Wirtschaft. Jedoch: sie sollten sie nicht zuerst von den Kammern betreut werden!

In diesem Bereich müssen vielmehr verantwortungsvolle Freundschaften zwischen Unternehmern sowie die Beratungsdienstleistungen des freien Marktes dienen, Lösungen zu erarbeiten. Auch bei der Unternehmensnachfolge! Für Klein- und Kleinstunternehmer auf der Suche nach einem Nachfolger lautet die einzige richtige Antwort der Kammern: Entschuldigung, Sie sind hier falsch, bitte kümmern Sie sich selbst um Ihren Nachfolger. Eine Vermittlung ist allein aufgrund der schieren Anzahl schicksalhafter Fälle völlig utopisch. Dazu kommt, dass eine Übergabe dieser Unternehmen in einer Breite der Bevölkerung gar nicht zu erwarten ist, da in aller Regel die Investitionsreife nicht gegeben ist. Unternehmensnachfolge bedeutet in diesem Segment: lokale Verwurzelung, Liebe zum Lebensstil, das Hobby zum Beruf machen.

Weniger Seelsorge, mehr praktische Hilfestellung

Aber wir müssen diese Dienstleistung doch anbieten! – Das Argument, dass ein jeder Beitragszahler der Kammern ein Recht auf adäquate Beratung habe, erschließt sich mir nur insofern, dass diese Beratung dann auch praktische Relevanz haben muss.

Beim Thema Unternehmensnachfolge müssen die Unternehmer zu den drei zentralen Fragen der Zukunftsfähigkeit ihres Unternehmens beraten werden: Organisation, Investition und Kultur.

  1.  Wie mache ich mein Unternehmen von mir möglichst unabhängig?
  2.  Wie stelle ich die Ressourcen zur Unternehmensentwicklung bereit und kanalisiere diese effektiv?
  3.  Wie schaffe ich in meinem Unternehmen eine Kultur der Verantwortung und Veränderung?

Regionale, aktive Beziehungspflege auf Augenhöhe

Was sollte also konkret getan werden, um die knappen die Ressourcen der Kammern besser einzusetzen als das bisher? Für die Lösung der Nachfolgeproblematik bei den mittleren Unternehmen ist regionale Netzwerkarbeit und aktive Beziehungspflege mit den betroffenen Unternehmern gefragt. Die Kammern sollten aktiv am Markt mitmischen und jederzeit auskunftsfähig werden: wer, was, wann, wie, warum. Daraus kann im mittelfristig aktives Matching zwischen übergabebereiten Unternehmern und Nachfolgern erfolgen – auf Vertrauensbasis mit beiden Seiten, in beide Richtungen

Eine Neuausrichtung der Strategie zur Unternehmensnachfolge bedeutet nicht zuletzt auch einen Ansatzpunkt zur Renaissance der Kammern als solches: die IHK darf gerne ihren grauen Anstrich verlieren und selbst beginnen den lebendigen Charakter des Unternehmertums zu verkörpern.

Manuel Hein